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Eine runde Sache:
Panorama von der Röti, Heinrich Keller, 1829

Hochaufgelöstes Bild auf e-rara:
http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-31622
Bild aus: Zentralbibliothek Zürich

Neulich im Schweizer Jura: Eine Drohne schwebt über der Anhöhe. Sie trägt eine Kamera, deren Fischaugenobjektiv nach unten gerichtet ist. Ihr Besitzer fotografiert das Panorama. Im Zentrum des kreisrunden Bildes sieht er das Signal auf der Anhöhe, am Rand den Horizont. Die gleiche Konstruktionsidee hatte vor knapp 200 Jahren der Zürcher Kartograf Heinrich Keller. Für die Gäste des neuen Kurhauses auf dem Weissenstein wollte er die Aussicht von der nahe gelegenen Röti aus festhalten. Statt technisches Spielzeug führte Keller ein Tischchen, Papier, Bleistift und Aquarellfarbe mit. Auf 4285 Fuss über dem Meer stellte er sein Tischchen auf und befestigte darauf einen Papierbogen. In der Mitte markierte er den eigenen Standort und zeichnete mit dem Zirkel einen Kreis darum. Rasch die Haupthimmelsrichtungen bestimmt, und es konnte losgehen mit dem Skizzieren. Indem er sich um das Tischchen bewegte und die jeweils vor ihm stehende Landschaft lagerichtig aufs Papier brachte, entstand nach und nach, was wir heute ein Horizontalpanorama nennen. Zuletzt beschriftete er die wichtigeren Berge und Dörfer. Wieder zuhause stand der zweite, langwierigere Teil der Arbeit bevor: das Reinzeichnen der Stichvorlage und die Reproduktion für den Verkauf. Bei Johann Jakob Scheuermann in Aarau liess er die Umrisse auf die Kupferplatte radieren und die bestellte Auflage drucken. Preisbewusste kauften diese «schwarzen» Exemplare. Für die betuchtere Kundschaft sollten «illuminierte» Exemplare angeboten werden, die er einzeln von Hand kolorierte. Dazu fertigte er noch einen schützenden Schuber an. Kellers künstlerische Begabung sprach sich herum, das Geschäft florierte. Mehr und mehr Touristen wollten auf die Berge und die Aussicht mit eigenen Augen sehen. Mit der Zeit lohnte sich der Neu- oder Ausbau von Gaststätten, Eisenbahnen und Passstrassen, was noch mehr Touristen anzog und den Bedarf nach Karten und Panoramen weiter in die Höhe trieb. Eine runde Sache für Heinrich Keller. Heute zeugt das Horizontalpanorama von der Röti nicht nur von Kellers künstlerischem Talent und seiner Geschäftstüchtigkeit, sondern auch vom aufkommenden Tourismus in der Schweiz.

Bibliografische Angaben

Panorama von der Röthifluh bey Solothurn = Panorama prise depuis la Röthifluh près Soleure, dessiné et publié par Henry Keller à Zürich, gravé par J. Scheurmann à Aarau. Zürich: Keller, 1829.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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