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Den Schrecken besänftigen:
Unerforscht II, Sandra Kühne, 2009

Unerforscht II, Sandra Kühne

Grösseres Bild, © Sandra Kühne

Kartografie und Kunst waren während Jahrhunderten keine Gegensätze. «Schöne» Karten kombinierten stets zeitgemässe Akkuratesse mit praktischer Ästhetik. Denken wir nur an die eleganten Kursivschriften Gerard Mercators oder die Bemühungen Eduard Imhofs und anderer um eine anschauliche Geländedarstellung. Die omnipräsente Kartografie eines amerikanischen Grosskonzerns gibt heute einen weltweiten Standard vor. Vielleicht gerade deshalb setzen sich Künstlerinnen und Künstler wie nie zuvor mit alternativen Kartenbildern auseinander. Künstlerbücher und Anthologien mit Titeln wie «Mapping it out – an alternative atlas of contemporary cartographies» oder «You are here – personal geographies» verkaufen sich bestens. Auch die in Zürich wohnhafte Künstlerin Sandra Kühne hat die Kartenkunst entdeckt, seit sie Atlanten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert geerbt hat. Besonders das Kartenbild der damals noch weitgehend unerforschten Polargebiete hat es ihr angetan. Wo frühere Kartografen groteske Monster einzeichneten, liessen sie um die Jahrhundertwende die sprichwörtlichen «weissen Flecken» stehen. Sie bieten einen Spielraum zwischen Fantasie und Wissenschaft. Sandra Kühne bearbeitet ihre Fundstücke mit der Schere. Sorgfältig schneidet sie das Papier zwischen den eingetragenen Längen- und Breitenkreisen heraus. Übrig bleibt das filigrane Koordinatennetz, das in der Vorstellung der Künstlerin den Schrecken der Leere besänftigt. Den fertigen Papierschnitt befestigt sie mittels Nadeln in sachtem Abstand zur Rückwand des Rahmens. Durch die Beleuchtung entsteht ein Schattenspiel, quasi eine dritte Ebene nach der ursprünglichen Karte und der extrahierten Linienstruktur. Als Betrachterin und Betrachter sind wir eingeladen, vor dem inneren Auge die Lücken wieder zu füllen. Was sehen Sie?

Bibliografische Angaben

Unerforscht II, von Sandra Kühne. 2009. Mehr Kartenkunst unter www.sandrakuehne.ch/karten.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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