32/70

Wer bringt die Ostereier?
Volkskundliche Karte der Schweiz, Paul Geiger, 1952

Grösseres Bild
© Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde

Nicht nur Kinder interessieren sich dafür, wer an Ostern die Eier bringt. Auf professioneller Ebene erforschen Volkskundler unsere Bräuche, Sitten, traditionellen Arbeitsweisen, Werkzeuge und alten Sagen. Besonders intensiv wurden solche Themen im Rahmen der geistigen Landesverteidigung untersucht. Zu diesem Zweck erhielten zwischen 1938 und 1942 rund 400 Gewährspersonen in der ganzen Schweiz Besuch von speziell ausgebildeten Befragern. Die gesammelten Antworten wurden akribisch auf Karteikärtchen erfasst und nach und nach zu einem Atlas der Volkskunde verarbeitet. Seine Initianten wollten damit zeigen, wie vielfältig die einheimische Kultur und Sprache ist – im Gegensatz zur nationalsozialistischen Propaganda und der kulturellen Einheitsdoktrin nördlich des Rheins. Zudem konnten die jungen Volkskundler mit der neuartigen Visualisierung auf Karten methodische Akzente in ihrem Wissenschaftsgebiet setzen. Wegen widriger Umstände erschien die erste Lieferung des Atlas erst 1950, der letzte Teil sogar erst 1995. Kartografisch wirken die einzelnen Karten auf den ersten Blick eher eintönig: einfache Punktsignaturen für jeden Befragungsort. Der Atlas ist dennoch eine wahre Fundgrube. Die Frage nach dem Überbringer der Ostereier ergab zwar in weiten Teilen der Deutschschweiz die erwartete Antwort: es ist der Osterhase. Im Kanton Luzern und einigen angrenzenden Regionen merkten die erwachsenen Gewährspersonen an, ihre Kinder glaubten auch an den Kuckuck. Eher überraschend waren die meisten Regionen der lateinischen Schweiz bis dahin weder vom einen noch vom anderen Tier besucht worden.

Bibliografische Angaben

Ostereier: wer bringt nach der Kindermeinung die Eier? = Oeufs de Pâques: qui, dans l’idée des enfants, apporte les œufs? Bearbeitet von Paul Geiger, graphische Ausführung E. Zimmerli. In: Atlas der schweizerischen Volkskunde = Atlas de folklore suisse. Basel: Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde, 1952. Karte II 178.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

Übersicht «Karte der Woche»