33/70

Die wirklichen Urschweizer:
Geschichtskarte der Lepontier, Johannes Stumpf, vor 1547

Geschichtskarte der Lepontier

Hochaufgelöstes Bild auf e-manuscripta:
http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-16493
Bild aus: Zentralbibliothek Zürich

Dürfen wir Sie mit den wirklichen Urschweizern bekannt machen? – Wieso, ist doch alles klar: Urner, Schwyzer, Unterwaldner. – Eben nicht, wir meinen die Leute, die vorher am Gotthard siedelten. – Die Römer! – Nicht schlecht, die Richtung stimmt, aber wir meinen das Volk, das noch vorher da war. – ?? – Also gut, gestatten: die Lepontier. Gemäss den antiken Autoren Caesar und Plinius waren die Lepontier ein keltisches Alpenvolk. Es siedelte an den Quellen des Rheins, der Rhone und des Ticino. Dadurch besetzte es die strategisch wichtigen Alpenübergänge im Gotthardgebiet, was ihm Zolleinnahmen bescherte und eine bemerkenswerte wirtschaftliche Blüte erlaubte. In der Gegend des heutigen Bellinzona wurden einige Gräber mit kunstvollen Grabbeigaben gefunden. Der Fundort liegt passenderweise am Ausgang der Leventina, in deren Namen heute noch die Lepontier anklingen. Insgesamt ist unser Wissen über dieses antike Volk indes bescheiden. Eher noch weniger informiert dürfte im 16. Jahrhundert der Historiker Johannes Stumpf gewesen sein. Das hinderte ihn nicht daran, seiner epochalen Schweizer Chronik eine Geschichtskarte zum Thema beizugeben. Obwohl die Entwurfszeichnung (Bild) keinen Titel trägt, ist die Absicht deutlich. Nicht weniger als sechs Mal sind die «Lepontij» rund um den Gotthard angeschrieben. Eine rote Linie markiert das Siedlungsgebiet. Da die Karte nach Süden orientiert ist, liegt das Gebiet der Räter am linken, das Gebiet der Seduner oder «Vallesiani» (also Walliser) am rechten Kartenrand. Stumpf verwendet je nach Kontext die lateinischen und deutschen Namen durcheinander. Die meisten Völker, Gebirge, Pässe und Flüsse sind zweisprachig, die meisten Orte hingegen einsprachig beschriftet. Und was die Geländedarstellung betrifft, ist Stumpfs Karte ein typisches Beispiel für die so genannte Maulwurfshügelmanier. Damit sind die hintereinander gestellten Aufrisse der Berge gemeint, die an die Arbeit dieser Wühltiere erinnern. Ein Schelm, wer hier einen Bezug zur Tunnelbauwut am Gotthard sieht.

Bibliografische Angaben

Tessin und Gebiete im Wallis, Uri und Graubünden, von Johannes Stumpf. Vor 1547.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

Übersicht «Karte der Woche»