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Ein griechisches Drama:
Karte des Olymp, Marcel Kurz, 1921 und 1923

Karte des Olymp

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© Zentralbibliothek Zürich

Marcel Kurz war eine schillernde Persönlichkeit. Ausgebildet als Ingenieur-Topograf war er meistens als Alpinist, Buch- und Kartenautor rastlos in den Alpen und im Himalaya unterwegs. Seine Leser liebten ihn, die Kollegen fürchteten seine Feder. Wenn Kurz mit einer ihm zugesandten Neuerscheinung nicht zufrieden war, konnte er sehr deutlich werden. Das Drama um die Olymp-Karte endete sogar vor Gericht. Doch höret der Reihe nach. ⁕ Akt 1: 1921 bereiste Kurz das Olymp-Gebirge. Der höchste Berg Griechenlands war schlecht erschlossen und bis anhin nicht genau kartiert worden. Zusammen mit einem Kollegen vermass und fotografierte Kurz das ganze Massiv. Zurück in der Schweiz wurden die aufgenommenen Stereobilder ausgewertet. In langwieriger Kleinarbeit konnten dank diesem Verfahren die weissen Lücken zwischen den Vermessungspunkten gefüllt werden. ⁕ Akt 2: Kurz engagierte den Kartografen Charles Jacot-Guillarmod, damit dieser ihm die Karte ins Reine zeichne und die Felsen ergänze. Jacot-Guillarmod, ebenfalls kein einfacher Charakter, interpretierte die Aufgabe – und die Bilder – recht eigenmächtig. Die von ihm mit Tusche gezeichneten Höhenkurven weichen aus unerfindlichen Gründen teilweise stark von den mit Bleistift gezeichneten Vorgaben ab. Hier nur zwei von vielen Beispielen (Bild 1): Der Punkt 64 in der Geländemulde steht am Ort, wo Kurz die Höhe 2564 m über Meer bestimmt hatte. Jacot-Guillarmod führt dort die Höhenlinie mit dem Wert 2520 m vorbei; man vergleiche den vom Kartenautor vorgesehenen, noch schwach erkennbaren Verlauf der Höhenlinien. Desgleichen liegen die Höhenlinien 2580 und 2600 direkt unter- und oberhalb des Punktes 31 (d.h. 2631 m), was nun wirklich grober Unfug ist. ⁕ Akt 3: Tatsächlich wurde der neue, stark verschobene Verlauf der Höhenlinien in die Kupferplatte gestochen und 1923 gedruckt (Bild 2). Die meisten Höhenpunkte tauchen indes auf dem definitiven Kartenbild nicht auf. Einem Betrachter, der die topografischen Grundlagen nicht kennt, würde daher nichts Merkwürdiges auffallen. Doch Kurz war ausser sich und verklagte Jacot-Guillarmod vor Gericht. Noch vor dem Urteilsspruch starb der Beklagte plötzlich. Es gibt Leute, die sagen, der Olymp sei der Sitz der obersten Götter und Zeus schleudere von dort die Blitze zu den Menschen.

Karte des Olymp

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Bibliografische Angaben

[1] Messtischblatt II zur Carte du Mont Olympe (Thessalie). 1921. – [2] Carte du Mont Olympe (Thessalie), dressée par Marcel Kurz, levé stéréophotogrammétrique par Hans Bickel et Marcel Kurz, rochers par Charles Jacot-Guillarmod, gravé au Service topographique suisse par Adolf Sommer et Charles Bauer. In: Le Mont Olympe (Thessalie): monographie. Paris: Attinger, 1923. Annexe no 2.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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