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Die Stadt als Wille und Vorstellung:
Vogelschaukarte von Basel, Matthäus Merian, 1642

Vogelschaukarte von Basel

Hochaufgelöstes Bild auf e-rara:
http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-14012
Bild aus: Universitätsbibliothek Basel

Wir schreiben das Jahr 1642. Eine friedliches und wehrhaftes Basel präsentiert sich hier. Gärten zu jedem Haus dienen der Deckung des täglichen Bedarfs, der Verkehr auf dem Fluss bringt Zölle ein, Universität und Kirchen sorgen für geistige Nahrung, dicke Mauern schützen Hab und Gut. Aber das Bild trügt. Es zeigt weder Menschen noch Tiere, nicht den Gestank in den Gassen, die Angst vor den Flüchtlingen, den furchtbaren Krieg vor den Toren der Stadt (den man bald den Dreissigjährigen nennen wird). Nicht alle Basler sehen schwarz für die Zukunft. Der Glasmaler und Radierer Matthäus Merian zum Beispiel kann sich nicht beklagen. Er führt einen Verlag in Frankfurt am Main, der hervorragend läuft. Grundstein ist das Geschichtswerk «Theatrum Europaeum» mit reich illustrierten Schilderungen des aktuellen Kriegsverlaufs, das den Nachrichtenbedarf der Menschen befriedigt. Inzwischen arbeitet Merian an einem noch grösseren Projekt, der «Topographia Germaniae». Dieses ist eine auf 16 Bände angelegte geografische Beschreibung des gerade nicht so Heiligen Römischen Reiches, die mehr als 1700 Ansichten und Vogelschaukarten enthalten sollte. Eine davon ist diese meisterhaft ausgeführte Vogelschaukarte von Merians Geburtsstadt (Bild). Für zahlreiche kleinere Orte sind die Illustrationen in der «Topographia Germaniae» die ersten veröffentlichten Abbildungen überhaupt. Merians detailverliebte Zeichnungen und der Text des Reiseschriftstellers Martin Zeiller machen das Werk zum bedeutendsten illustrierten Städteinventar jener Zeit. Nach Merians Tod 1650 bauten seine Söhne und Enkel das Werk auf 30 Bände und damit zu einem der umfangreichsten Verlagsprojekte des Barocks aus. Es ist heute von hohem kultur- und kunsthistorischem Wert. Merian ist als begabter Künstler und Geschäftsmann in Erinnerung geblieben. Wir dürfen ihn ohne Weiteres auch zu den erfolgreichsten Kartografen zählen, die unser Land hervorgebracht hat.

Bibliografische Angaben

Basilea = Basel, von Matthäus Merian. In: Topographia Helvetiae Rhaetiae et Valesiae: das ist, Beschreibung und eigentliche Abbildung der vornembsten Stätte und Plätz in der hochlöblichen Eydgnosschafft, Grawbündten, Wallis, und etlicher zugewanten Orten. Frankfurt am Mayn: in Truck gegeben und verlegt durch Mattheaum Merian, 1642. (Topographia Germaniae, Band 1).

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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