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Es werde Licht!
Reliefkarte der Albiskette, Fridolin Becker, 1889

Reliefkarte der Albiskette

Hochaufgelöstes Bild auf e-rara:
http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-26827
Bild aus: Zentralbibliothek Zürich

Fridolin Becker wollte Klarheit. Klarheit darüber, was eine gute und verständliche Karte ausmacht. Sein Steckenpferd war die Geländedarstellung. Schon als Angestellter des Topographischen Bureaus kämpfte er vehement für eine bessere Felszeichnung auf der «Siegfriedkarte». Wo einige Kollegen nur Felsen sahen, erkannte er Zinnen, Nadeln, Kanzeln, Wände, Platten und Ähnliches mehr. Solche Elemente sollten auf einer Karte individuell und wiedererkennbar dargestellt werden. Beckers Denkweise tat den Karten gut und sprach sich herum. Mit Dreissig wurde er Assistent, kurz darauf Professor am Polytechnikum in Zürich. Jetzt konnte er den Nachwuchs in seinem Sinn ausbilden und eigene Projekte verwirklichen. Er begann, sich um die Reliefkarten zu kümmern. Ein Beispiel ist die Reliefkarte der Albiskette, veröffentlicht 1889. Das Licht scheint von links oben zu kommen. Es umschmeichelt die verschiedenen Geländekammern, bricht sich scharf an den Kanten und hebt Plateaus von den Hängen ab. Als Begründung für einen Lichteinfall von links oben wird meist angegeben, die Beleuchtung aus der Gegenrichtung führe zur so genannten Reliefumkehr: Täler würden als Berge wahrgenommen und umgekehrt. Diesen Eindruck will jeder Kartograf tunlichst vermeiden. Der Preis ist eine in der Schweiz natürlicherweise nie vorkommende Lichtrichtung aus Nordwesten. Was macht nun Becker? Er orientiert seine Karte nach Südwesten. Links oben liegt nicht mehr Nordwesten, sondern Süden. Dank dieses Tricks erreicht Becker zweierlei: Er geht bezüglich Reliefumkehr kein Risiko ein, und gleichzeitig stimmt die Lichtrichtung mit den natürlichen Tatsachen um die Mittagszeit überein – wolkenlosen Himmel vorausgesetzt. Doch ganz befriedigt über das Resultat war der Künstler und Ästhet Becker vermutlich trotzdem nicht. Noch geht die feine, grüne Tönung für Waldflächen in der dominierenden, bräunlichen Geländedarstellung fast unter. Doch kurze Zeit später erschien vom gleichen Autor eine Karte seines Heimatkantons Glarus, in der die beiden Kartenelemente besser harmonieren. Gleichzeitig kehrte Becker zur Nordorientierung zurück, wohl wissend, dass Licht aus der «falschen» Richtung besser akzeptiert wird als eine «falsch» orientierte Karte. Im Rückblick gilt Fridolin Becker als Wegbereiter einer anschaulichen Reliefkartografie.

Bibliografische Angaben

Reliefkarte der Albiskette: vom Uetliberg bis Albishorn, bearbeitet nach den neuesten eidgen. Aufnahmen mit Nachträgen 1889, entworfen von Fridolin Becker. Zürich: Graph. Anstalt Hofer & Burger, 1889.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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