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Ein sauberer Schnitt?
Profil des Simplons, Hans Schardt, 1891

Hochaufgelöstes Bild auf e-rara:
http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-22888
Bild aus: ETH-Bibliothek Zürich

Zu was sind Profile von Nutzen? Fragen wir doch die Ingenieure des neuen Gotthardbasistunnels. Sie zerbrachen sich während Jahren den Kopf darüber, welche Gesteinsarten wo zu erwarten seien und ob sie den Tunnelbau blockieren würden. Mit seismischen und gravimetrischen Messungen sowie mehreren Sondierbohrungen versuchten sie, sich ein Bild des Untergrunds zu machen. Wie wir seit dem Durchschlag wissen, waren die Voraussagen zuhanden der Mineure sehr zuverlässig. Das Baubudget konnte eingehalten werden. Schon bei früheren Tunnelprojekten hatte man aus dem gleichen Grund Profile hergestellt, allerdings der Zeit entsprechend mit einfacheren Mitteln. Beispiel Simplontunnel: Die offizielle Projektdokumentation von 1894 enthielt unter anderem verschiedene Lagepläne, Längen- und Querprofile sowie ein geologisches Profil. Dessen Entstehungsprozess ist eine Geschichte für sich: Der Geologe, dessen Name auf dem Blatt fehlt, trieb sich also einige Wochen auf dem Simplon herum. Ohne moderne Messgeräte, dafür mit Hammer und Notizbuch. Danach entwarf er im Büro eine Karte und das Profil, indem er sich vorzustellen versuchte, wie die Schichten bei der Alpenfaltung aufgestellt worden waren. Alles fein säuberlich beschriftet, und fertig war die metergenaue Prognose für die Tunnelbauer. Das Profil wurde von J. Chappuis in Lausanne vergrössert lithografiert (Bild). Farbig gedruckt sieht das Werk topseriös aus. Aus wissenschaftlicher Sicht glich es allerdings eher eine Lotterie, bei der ein Volltreffer möglich, aber keineswegs sicher war. So verwundert es auch nicht, dass Kollegen diese offizielle Darstellung des Untergrunds bestritten und eigene Profile vorlegten. Schon bald würde sich zeigen, wer besser geschätzt hatte. Der Tunnelbau begann. Laufend wurden die angebohrten Gesteinsschichten notiert und mit den Voraussagen verglichen. Als der Tunnel zu 80% ausgebrochen war, publizierte der Geologe Hans Schardt 1903 eine zweite Fassung des geologischen Profils, jetzt mit vollem Namen. Er konnte zufrieden sein mit seiner Arbeit zehn Jahre zuvor. Viele hatten ja gezweifelt. Im Kommentartext beklagte er sich denn auch, die erste Fassung sei «pas trop bien réussi». Zugleich liess er seine Leser wissen, sein Profil wäre noch genauer worden, wenn er 1894 nur Gelegenheit gehabt hätte, es vor dem Druck zu überarbeiten. Mit der Wahl des Lithografen war Schardt übrigens zufrieden, denn auch für die zweite Fassung kam wiederum Chappuis zum Zug. Weshalb aber ausgerechnet der Name des Autors auf der ersten Fassung fehlt ist weiterhin ein Rätsel.

Bibliografische Angaben

Profil géologique du Simplon dans l’axe du grand tunnel, von Hans Schardt, Julien Dupuis autogr. 1891, lith. J. Chappuis. In: Simplon-Tunnel: Projekt 1893. Bern: Buchdruckerei Gebhardt, Rösch & Schatzmann, 1894. Planche IV.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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