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Die Erde ist keine Scheibe:
T-O-Karte, anonymer St. Galler Mönch, vor 900

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Bild aus: Stiftsbibliothek St. Gallen

Es war einmal vor langer Zeit, als die Sintflut ihrem Ende zuging. Gemäss biblischer Überlieferung schickte Noah seine drei Söhne aus, die drei Erdteile zu besiedeln: Sem ging nach Asien, Ham nach Afrika und Japhet nach Europa. Dort lebten sie noch viele Jahre und vermehrten sich fleissig. Wir machen nun einen grossen zeitlichen Sprung ins frühe 5. Jahrhundert. Damals verfasste Bischof Augustinus von Hippo das Werk «Vom Gottesstaat», worin er die genauen Grössenverhältnisse und die Lage der Erdteile präzisierte. So fülle Asien die Hälfte des Erdkreises und liege im Osten, während die beiden anderen Kontinente – Europa im Nordwesten und Afrika im Südwesten – je einen Viertel ausmachten. Und um alles herum woge der grosse Ozean. Ein weiterer Bischof, Isidor von Sevilla, trug im frühen 7. Jahrhundert das Wissen der Antike zusammen. Mit den «Etymologien» schuf er einen der meistgelesenen und meistzitierten Texte des Mittelalters. An passender Stelle fügte er zur Verdeutlichung eine schematische Weltkarte ein. Darin sind die drei Kontinente durch ein T-förmiges Gewässersystem voneinander getrennt, das von den Flüssen Don und Nil sowie dem Mittelmeer gebildet wird. Der grosse Ozean hat die Form des Buchstabens O. Deshalb ist dieser Kartentyp heute als T-O-Karte oder Radkarte bekannt. Von Isidors Text und Karte gibt es enorm viele mittelalterliche Abschriften. Eine davon wurde in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts im Kloster St. Gallen angefertigt. Auch sie enthält im 14. Kapitel die Weltkarte, die sich streng an die Vorgaben der Autoritäten Isidor, Augustinus und letztlich der Bibel selbst hält (Bild). Welcher der damaligen St. Galler Mönche die Zeichnung angefertigt hat, ist leider nicht überliefert. Jedenfalls ist diese Karte eine der ältesten, die auf Schweizer Boden hergestellt wurde und heute noch existiert. Wobei es viele Fachleute gibt, die zögern, in diesem Zusammenhang das Wort «Karte» in den Mund zu nehmen. Gewiss, die Darstellung ist offensichtlich weder winkel- noch längen- oder flächentreu. Genau so offensichtlich ist aber auch, dass hier geografisches Wissen in extrem generalisierter Form zeichnerisch festgehalten ist. Und noch etwas: Die Erde war selbst im angeblich dunklen Mittelalter keine Scheibe, obwohl die T-O-Karte diesen Eindruck erwecken mag. Den Mönchen fehlten allerdings Kenntnisse der Projektionslehre und der zeichnerischen Perspektive. Beide Techniken wurden erst einige hundert Jahre später in Mitteleuropa bekannt.

Bibliografische Angaben

T-O-Karte, von einem anonymen St. Galler Mönch. Vor 900. (St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 236, Seite 89)

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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