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Denn sie wissen nicht, was sie tun:
Wanderkarte für das Brüniggebiet, Eugen Haag, 1920

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Bild aus: Zentralbibliothek Zürich

Irgendwann im 18. Jahrhundert begannen Touristen, zum Vergnügen auf Berge zu klettern und von dort aus die erhabene Gipfelwelt auf sich wirken zu lassen. Je nach Gemütslage, Alter und Wetter genügte auch eine topografisch weniger anspruchsvolle Tour, was man «Wanderung» oder «Exkursion» nannte. Es dauerte eine Weile, bis jemand die Idee hatte, den Touristen zweckmässige Karten mit eingezeichneten Wandervorschlägen zu verkaufen. Dazu benötigte man allerdings topografische Karten grossen Massstabs (grösser als 1:50 000) als Grundlage. Solche waren in der Schweiz erst um die Wende zum 20. Jahrhundert flächendeckend verfügbar: die Blätter der «Siegfriedkarte». Zudem musste ein Kenner der Gegend als Bearbeiter gefunden werden. Und drittens war eine gut gefüllte Kasse nötig, da die Herstellung einer grossformatigen Karte kostspielig war. Alle diese Hindernisse überwand der Luzerner Buchhändler Eugen Haag auf den ersten Blick problemlos. Seine Karte des Brüniggebiets zeigt eine reiche Auswahl von Wanderrouten. Unterschieden werden Wege für jedermann als durchgezogene Linien sowie Wege für geübte und trittsichere Wanderer als punktierte Linien. Die Legende macht ferner darauf aufmerksam, dass Kletterrouten nicht eingezeichnet sind. Wohlan, suchen wir uns ein Ziel aus. Stellenweise sind wir unsicher, ob wir die Karte richtig lesen: Allzu viele Routen führen in gerader Linie und völlig losgelöst vom Wegnetz durchs Gelände. An einigen Stellen überwinden sie sogar Felswände. Seltsam, seltsam, wenn das nur gut kommt! Schliesslich wählen wir den Aufstieg von der Tannenalp zum Hühnerbergli (Bild), heute Tannalp und Rotsandnollen genannt. Gemäss Exkursionskarte ein Weg für jedermann. Zwar deuten schwarze Höhenkurven auf steinigen Boden hin, was uns an sich nicht stört. Doch ein Vergleich mit der aktuellen Landeskarte verheisst nichts Gutes. Eine Recherche auf einer einschlägigen Internetsite bestätigt, es handle sich bei dieser Route um «eher eklig zu begehendes Schrattengelände» mit gefährlichen «Löchern unter dem hohen Gras, messerscharfen Kanten usw.» Einen Pfad gebe es nicht. Weiter oben wechsle man auf «feinen Schiefer-Schutt». Na danke, eine Wanderung mit Kind und Kegel haben wir uns anders vorgestellt. An wen geht die Mängelrüge? An den Buchhändler, der gleichzeitig Auftraggeber, Verleger und Verkäufer war? An einen fahrlässigen, leider ungenannt bleibenden Redaktor? An die Eidgenössische Landestopographie, die für Reproduktion und Druck zuständig war? – Oder hätten wir die Karte vor dem Kauf schlicht genauer anschauen sollen?

Bibliografische Angaben

Exkursionskarte für das Brüniggebiet: Flühli, Lungern, Melchthal, Frutt, Hasliberg, Brienz. Luzern: Eugen Haag, 1920.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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