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Voll im Trend:
Panorama vom Monte San Salvatore, Edoardo Francesco Bossoli, 1873

Hochaufgelöstes Bild auf e-rara:
http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-31625
Bild aus: Zentralbibliothek Zürich

Panoramen sind voll im Trend. Jedes Smartphone ist heute gleichzeitig eine Panoramakamera. Und praktisch jeder Aussichtspunkt lässt sich mühelos mit einer Seilbahn (sei es auf Schienen oder in der Luft) erreichen. Aber blenden wir doch 150 Jahre zurück in die beginnende Belle Époque. Statt Elektronik führte man Papier, Stift und Pinsel mit. Und man stieg zu Fuss auf die Gipfel, um die atemberaubende Rundsicht zu verewigen. So tat es jedenfalls anno 1873 der Tessiner Künstler Edoardo Francesco Bossoli auf dem Monte San Salvatore. Von ihm aus überblickt man nahezu den ganzen, kompliziert verzweigten Luganersee und geniesst eine Aussicht, die bei gutem Wetter von den Alpen bis in die Poebene reicht. Bossoli setzte sich also auf dem höchsten Punkt des Berges – bildlich gesprochen – in einen gläsernen Zylinder, auf dessen Innenseite in Augenhöhe ein schmaler Papierstreifen aufgeklebt war. Indem sich der Künstler um seine eigene Achse drehte und die Landschaft lagerichtig auf den Papierstreifen vor ihm übertrug, entstand etwas, was wir heute Vertikalpanorama nennen. Aus dem mitgeführten Aquarellkasten mischte der Künstler die passenden Farben. Und natürlich durfte er das Beschriften der Gipfel, Dörfer und der Luganeser Hotels nicht vergessen. Denn danach würden die Touristen ja doch immer wieder fragen. Seine Originalzeichnung liess er von den Gebrüdern Tensi in Mailand lithografieren, das heisst auf Stein übertragen und mehrfarbig drucken. Die Mitglieder des italienischen Alpenclubs freuten sich gewiss über das prächtige Werk, das in zwei Teilen dem Heft 21 der Club-Zeitschrift beilag. Bossoli wurde umgehend zu einem gefragten Panoramisten. Grosse Erfolge feierte er mit seinen Panoramen vom Monte dei Cappuccini bei Turin (1874), vom Monte Generoso (1875), vom Grand Hotel in Varese (1876), dem Mailänder Dom (1878) und zahlreichen anderen Aussichtspunkten. Sie alle verfehlten ihre Wirkung nicht. Es ist wohl kein Zufall, dass wenige Jahre nach dem Erscheinen von Bossolis Panoramen je eine Seilbahn auf den Monte dei Cappuccini, den Monte San Salvatore und den Monte Generoso gebaut wurden. Die beiden letztgenannten Bahnen bestehen noch heute, damit auch die bequemste Touristin ihr eigenes Panorama aufnehmen kann.

Bibliografische Angaben

Panorama preso dalla cima del Monte S. Salvatore presso Lugano, da Edoardo Francesco Bossoli, Fratelli Tensi editori-litografi. In: Bollettino del Club Alpino Italiano 21 (1873), tavola IV.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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