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Steif, aber schnell:
Typometrische Karte der Schweiz, Wilhelm Haas, 1798

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Bild aus: Zentralbibliothek Zürich

Wilhelm Haas der Vater hatte eine Revolution der Kartentechnik vor. Der traditionelle Kupferstich war ihm zu langsam und zu wenig flexibel. Als gelernter Schriftgiesser und Besitzer einer Buchdruckerei begann er 1776, Landkarten wie Bücher herzustellen, nämlich: Jedes Element soll eine bewegliche Letter sein, die beliebig angeordnet werden kann. Statt Buchstaben goss Haas völlig neue, bis dahin nur als typografische Zierelemente gesehene Muster: Flussabschnitte in unzähligen Biegungen und Stärken, Seeufer in mehreren Dutzend Varianten, Ortsringel klein und goss, Formen für Hügel und Berge, kürzere und längere Punktreihen für Grenzen und ähnliche Dinge mehr. Insgesamt handelte es sich um rund dreihundert verschiedene Matrizen (Gussformen). Trotz dieser beeindruckenden Zahl wirken typometrische Karten recht schematisch und steif. Dafür wurde Haas auch kritisiert. Aber der Vorteil lag anderswo: Schnelligkeit. Durch geschicktes Arrangieren und Stabilisieren der Lettern mit Füllmaterial war Haas in der Lage, Karten innert weniger Tage herzustellen. Und bei Bedarf konnten sie auch schnell und einfach korrigiert werden, ohne mühsames Schaben und Klopfen auf Kupferplatten. Der Erfolg rief die unvermeidlichen Neider und Konkurrenten auf den Plan. Auch der Karlsruher Geograf August Gottlieb Preuschen und der Leipziger Musiknotendrucker Johann Gottlob Immanuel Breitkopf reklamierten die Erfindung für sich. Tatsächlich waren es aber Wilhelm Haas und sein gleichnamiger Sohn, die das System während Jahren perfektionierten. Die Haas’sche Schriftgiesserei in Basel wurde in ganz Europa bekannt. Doch die Zeiten waren revolutionär. Zwischen Januar und März 1798 brach das Ancien Régime zusammen. Im April wurde die Helvetische Republik proklamiert. Anfang Mai entstanden der Kanton Waldstätten in der Innerschweiz und die beiden Kantone Säntis und Linth in der Ostschweiz. Die Bildung der Distrikte zog sich bis Anfang Juli hin. Vater Haas hielt als helvetischer Grossrat seinen Sohn stets auf dem Laufenden. Dieser griff in den Setzkasten und druckte schon im August 1798 eine topaktuelle Karte der Republik mit der neuen Distriktseinteilung (Bild). Es entbehrt nicht der Ironie, dass die geschäftstüchtige und politisch bestens informierte Familie Haas schon bald von einer weiteren Revolution überrollt werden sollte. Denn ab der Jahrhundertwende machte die neu erfundene Lithografie der typometrischen Kartenherstellung Konkurrenz. 1803 hörte Wilhelm Haas auf, Karten herauszugeben. So schnell, wie das typometrische Verfahren entstanden war, so schnell verschwand es auch wieder von der Bildfläche.

Bibliografische Angaben

Der Helvetischen Republik neue Cantons und Districts Eintheilung nach den gesetzlichen Beschlüssen, dem Vollziehungs-Directorium gewiedmet von Wilhelm Haas dem Sohne. Basel: Wilhelm Haas, August 1798.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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