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Wer zählt die Völker, nennt die Namen?
Ethnografische Karte von Guatemala, Otto Stoll, 1884

Hochaufgelöstes Bild auf e-rara:
http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-32933
Bild aus: Zentralbibliothek Zürich

Diese Karte ist ein Schatz, der erst vor Kurzem gehoben wurde. Materiell ist sie keineswegs besonders wertvoll. Sie ist dies auf den ersten Blick auch nicht wegen des hoffnungslos veralteten Inhalts – doch dazu gleich mehr. Aber sie war gut versteckt und kam nur durch Zufall wieder ans Licht. Als so genannt unselbständig erschienenes Werk war sie Teil eines Buches und auch nur mit diesem zusammen benutzbar. Da Karten in Büchern eben gerade nicht separat aufbewahrt und deshalb meist auch nicht eigens katalogisiert werden, sind sie durch thematische Recherchen kaum zu finden. Dieser Umstand gilt übrigens auch für Karten in Atlanten. Die Recherchemöglichkeiten haben sich allerdings in den letzten Jahren stark verbessert. Dank gebührt allen Bibliotheken, die jetzt routinemässig Inhaltsverzeichnisse (bei Neuerscheinungen) oder gleich ganze Atlanten (bei Antiquitäten) einscannen und in ihren Katalogen suchbar machen. Was aber, wenn eine Karte in einem drögen Textband versteckt ist? Wer würde beispielsweise eine ethnografische Karte von Guatemala in einer Habilitationsschrift von 1884 eines Thurgauer Mediziners suchen? Da hilft meist nur der Zufall oder die Intuition auf die Spur. Man freut sich entsprechend über einen schönen Fund. Bei näherer Betrachtung stellten sich jedoch einige Fragen zur Methode des Kartenautors Otto Stoll: Waren die Ethnien Guatemalas tatsächlich derart scharf abgrenzbar, wie es die Karte vorgibt? Gab es wirklich keine Mischgebiete? Was ist mit jenen Gebieten, in denen Menschen mit europäischer Abstammung die Mehrheit stellten? Wäre es nicht sinnvoll, die fünf eingezeichneten Nicht-Maya-Völker durch die Farbgebung oder durch die Legendenanordnung von den Maya-Völkern zu unterscheiden? Weshalb fehlt eine Massstabsangabe? – Trotz dieser Unklarheiten bietet die Karte den einen oder anderen Gedankenanstoss. Zum Beispiel ist ein Gebiet im Südosten (XIV) als Ethnie der Pupuluca ausgewiesen, von der gemäss Volkszählung 2002 nichts mehr übrig ist. Ebenso verschwand seit Stolls Untersuchung die Ethnie der Pipil (XII) im zentralen Teil des Landes. Besonders erwähnenswert ist die winzige Ethnie der Alagüilac (XVII), deren eigene Sprache schon lange vor Stolls Besuch untergegangen war. Die Massaker und den Bürgerkrieg des 20. Jahrhunderts haben auch die Alagüilac nicht überlebt. Dank den Forschungen eines Thurgauer Mediziners ist wenigstens kartografisch dokumentiert, wo diese indigenen Völker gelebt haben (Bild). Ein Schatz, diese Karte!

Bibliografische Angaben

Ethnographische Karte von Guatemala, von Otto Stoll, Lithographie Orell Füssli & Co. In: Zur Ethnographie der Republik Guatemala. Zürich: Orell Füssli & Co., 1884.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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