63/70

Zum Mitmachen:
Umgebungskarte des Pfarrdorfs, Johann Sebastian Gerster, 1886

Umgebungskarte des Pfarrdorfs

Hochaufgelöstes Bild auf e-rara:
http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-33684
Bild aus: Zentralbibliothek Zürich

Was lesen Sie jetzt gerade? Oder anders gefragt: Aus welchen Zeichen besteht Ihr Lesestoff. Wenn Sie diesen Blogbeitrag in seine Einzelteile zerlegen, bleiben nur Buchstaben und Satzzeichen übrig. Doch Sie «lesen» täglich noch ganz andere Dinge, zum Beispiel Zahlen, Symbole, Piktogramme, Bilder und Gesichter. Vielleicht lesen Sie auch Musiknoten fliessend oder Karten – Sie zögern? Dabei ist Kartenlesen leichter als gedacht, obwohl das kartografische «Alphabet» gut und gerne über hundert verschiedene Zeichen oder Signaturen umfassen kann. Wir empfehlen, zuerst die so genannte Zeichenerklärung zu Rate zu ziehen. Ohne Weiteres verständlich sind die flächenhaften Zeichen für Seen, Wälder, grosse Städte und dergleichen. Man kann fast wetten, dass ein See auf Karten als blaue Fläche dargestellt ist, und zwar weltweit. Einfach deswegen, weil Wasser im Empfinden der Menschen mehr oder weniger blau ist. Auch die linienhaften Elemente erschliessen sich leicht. So stehen blaue Linien – logisch – meistens für Flüsse oder Bäche, doppelte schwarze Linien zum Beispiel für Strassen, Linien mit grösseren Kurvenradien für Eisenbahnstrecken. Ferner sind Höhenkurven je nach Art des Bodens beispielsweise braun, schwarz oder blau. Am anspruchsvollsten sind die Punktsignaturen, die auf topografischen Karten in der Regel Objekte mit nur geringer Ausdehnung repräsentieren: Beispiele sind kleine Kreise mit einem Punkt in der Mitte (Kirchen), gezackte Pfeile (Antennen), Kreuze (Friedhöfe) und blaue Rechtecke (Schwimmbäder). Der Fantasie sind fast keine Grenzen gesetzt, was das Gestalten einer aussagekräftigen und logischen Zeichenerklärung zu einer Kunst für sich macht. Heutzutage werden die verwendeten Kartenzeichen meist nur in einer nüchternen Liste dargeboten, doch gab es auch immer wieder Versuche, die Zeichenerklärung in Form separater, fiktiver Kärtchen zu gestalten. Noch einen Schritt weiter ging der Geografielehrer Johann Sebastian Gerster auf seinen Schulkarten. Am unteren Kartenrand platzierte er jeweils gleich drei kleine Darstellungen: eine Vogelschauansicht, eine Höhenkurvenkarte (Bild) und eine Schraffenkarte. Damit gelang Gerster eine miniaturisierte Einführung in das Kartenlesen. Ganz natürlich liegt die Stadt in der Ebene am grossen See. Verschiedene Arten von Pfarr-, Markt- und anderen Dörfern besetzen die nähere Umgebung. Ferner gibt es Einzelobjekte wie ein Schloss, eine Festung und ein Hospiz. Selbst ein Stück Wald, ein Bergsturz und ein Gletscher fehlen nicht. Das Ensemble lädt geradezu ein, nach Belieben weitere Details einzutragen. Nicht wenige Kartografen führen ihre Berufswahl auf lustvolles Zeichnen fiktiver Karten in der Volksschulzeit zurück. Wie Figura zeigt, können es manche auch später nicht lassen.

Bibliografische Angaben

Schüler-Handkarte des Kantons Solothurn, von Johann Sebastian Gerster. Zürich: Hofer & Burger graphische Anstalt, 1886.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

Übersicht «Karte der Woche»