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Unter Kollegen:
Karten der Belagerung von Wil,
Hans Jakob Lavater und Johann Adam Riediger, 1712

Karte der Belagerung von Wil

Hochaufgelöstes Bild auf e-manuscripta:
http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-15764
Bild aus: Zentralbibliothek Zürich

April 1712: Nach Jahren des Verhandelns und Zögerns rüsteten die reformierten Orte der Eidgenossenschaft zum Krieg. Ursache war das in ihren Augen unerträgliche Gebahren des Fürstabts von St. Gallen im Toggenburg. Einige tausend Berner und Zürcher Soldaten marschierten im Verein mit thurgauischen und toggenburgischen Scharen Richtung fürstäbtisches Territorium. Erstes Ziel war das exponiert am Rand liegende Städtchen Wil. Die Wiler hatten die Gefahr sehr wohl vorausgesehen und sich vorbereitet. Man hatte Schützengräben angelegt, Palisaden gebaut, die Stadtmauer ausgebessert und Geschütze herbeigeschafft. Allein, die Angreifer führten grausame Waffen mit: Leicht erhöht beim Dorf Wilen, gerade noch auf thurgauischem Boden, bauten sie ihre Kanonen auf und beschossen von dort das sankt-gallische Wil mit glühenden Kugeln. Mehrere Stadthäuser sowie zahlreiche Scheunen in der Vorstadt gingen in Flammen auf. Vom Bergholz aus (etwa dort, wo heute das Schwimmbad steht) warfen die Angreifer rund 200 bis 300 Pfund schwere Bomben in die Stadt. Nach knapp sechs Tagen war der Widerstand gebrochen und die beiden Generäle aus Bern und Zürich rückten hoch zu Ross in Wil ein. Wie üblich nach geschlagener Schlacht wurden Guthaben und Verluste dokumentiert. Die Obrigkeit verlangte Listen der toten Soldaten, den Wilern stellte man Rechnung für Nahrung und Tierfutter, und Militärkartografen nahmen für das Kriegstagebuch eine Karte der näheren Umgebung auf. Von dieser Karte sind mindestens fünf Versionen überliefert. Sie sind alle präzis nach Norden ausgerichtet und verfügen am unteren Rand über Massstabsleisten in den Einheiten Schritt und Ruthen (gemeint sind Ruthen zu fünf Ellen oder zehn Schuhen). Die Standorte der Reiter sind grün und jene des Fussvolks gelb koloriert. Auf vier der fünf Versionen sitzt rechts unten ein gefangener Soldat, der das Auge mit der Hand zudeckt. Daneben präsentiert die Allegorie des Krieges in voller Rüstung eine Lanze oder eine Fahne. Inhaltlich sind ansonsten keine wesentlichen Unterschiede auszumachen. Stattdessen ist der individuelle zeichnerische Ausdruck deutlich erkennbar. Der Stil des Zürcher Feldmessers Hans Jakob Lavater (Bild 1) kontrastiert mit jenem seines Berner Kollegen Johann Adam Riediger (Bild 2). Welche dieser Versionen ist das «Original», welche die «Kopie»? Ist eine «besser» oder wirklichkeitsnäher als die andere? Darauf gibt es keine Antwort. Wichtig zu wissen ist aber, dass diese Versionen die Sichtweise der Sieger repräsentieren. Wie hätten wohl die Karten der Verlierer ausgesehen?

Karten der Belagerung von Wil

Hochaufgelöstes Bild auf e-manuscripta:
http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-15308
Bild aus: Zentralbibliothek Zürich

Bibliografische Angaben

[1] Geometrischer Grundriss der Statt Wyl und dero Gegne, auch wie selbe von lob. Ständen Zürich und Bern überzogen, und zur Übergab gezwungen worden den 22ten May Ao. 1712. Anonym (vermutlich Hans Jakob Lavater). 1712. – [2] Grundriss der Statt Wyl sambt dero Gegne, auch wie selbige von beyden lob. Ständen Zürich und Bern überzogen, und zur Übergab gezwungen worden, A. Ridiger f. 1712.

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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