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Höchste Spitze?
Landeskarte der Schweiz, Bundesamt für Landestopografie, 2014

© swisstopo

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war überhaupt nicht klar, welcher Punkt der höchste der Schweiz sei und welchen Namen er trage. Der fragliche Berg im Monte-Rosa-Massiv hart an der Grenze zu Italien besitzt zwei Gipfel praktisch gleicher Höhe. Erst die Vermesser des Generals Dufour bestimmten um 1860 die Westspitze als höchsten Punkt, mit dem kleinen Unterschied von zwei Metern zur Ostspitze. Wie aber der Berg heisse, das konnten auch die befragten einheimischen Experten nicht eindeutig beantworten. Um die Publikation des Blattes 24 der topografischen Karte der Schweiz nicht weiter aufzuhalten, entschied sich der General, den provisorischen Namen «Höchste Spitze» in die Kupferplatte stechen zu lassen. Die Druckerschwärze war noch kaum trocken, als prominente Bürger eine Petition an den Bundesrat richteten, er möge den Berg zu Ehren des Generals und Schöpfers der Karte «Dufour-Spitze» taufen. Die Regierung bewilligte das Begehren in unüblicher Schnelligkeit am 28. Januar 1863. Doch Dufour war nicht nur General und Ingenieur, sondern zusammen mit Henry Dunant 1864 auch Mitbegründer des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes. «Damit kam ein Stein ins Rollen, der zu einem Berg heranwachsen sollte», wie sich 150 Jahre später der Bundespräsident ausdrückte. Zur Erinnerung an Dunants welthistorische Tat beschlossen die Gemeinde Zermatt, der Kanton Wallis und der Bund am 6. Oktober 2014, den bis dahin namenlosen Ostgipfel fortan «Dunantspitze» zu nennen. Um die Bedeutung der Ehrung zu unterstreichen, wartete man im Bundesamt für Landestopografie nicht den üblichen sechsjährigen Nachführungsturnus der Landeskarte ab. Noch vor dem Jahresende 2014 erschien auf dem Bundesgeodatenportal eine nachgeführte Version der Landeskarte, die uns ins Grübeln brachte. Unser erster Eindruck war dieser: Der Name «Dunantspitze» gehört zum Punkt 4634.0, der Name «Dufourspitze» eventuell auch dorthin oder vielleicht auch zum Punkt 4499. Wo genau die Punkte 4632, 4618 und 4515 liegen, erkannten wir erst auf den dritten Blick. Hätte man zur Klärung der Situation nicht einige untergeordnete Höhenkoten und Namen opfern können? Sicher, wenn man den Aufschrei über den Verlust wichtiger Orientierungspunkte nicht scheut. Oder könnte man mit einer kleineren Schriftgrösse für die Dunantspitze andeuten, dass diese etwas weniger hoch ist als die Nachbarin? Geschenkt, ein solcher Vorschlag lässt jegliches politisches Fingerspitzengefühl vermissen. Ein Dilemma. – Wie praktisch wäre es doch für Kartografen und Kartennutzer, wenn die Antwort auf die Frage nach der höchsten Spitze der Schweiz einfach lauten würde: Höchste Spitze!

Bibliografische Angaben

Landeskarte der Schweiz 1:25 000, nachgeführt 2014. Bisher nur online unter https://map.geo.admin.ch/?bgLayer=ch.swisstopo.pixelkarte-farbe&X=87344&Y=633285&zoom=8

Bildauswahl und Text

Abteilung Karten und Panoramen, Zentralbibliothek Zürich

 

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